IPC-A-600 Schliffbildanalyse: Anforderungen für die Qualitätssicherung
Ein Leiterplattenfehler muss nicht sichtbar sein, um kritisch zu werden. Eine Bohrlochmetallisierung kann von außen sauber aussehen, während sich im Querschnitt eine zu dünne Kupferschicht, ein Hohlraum oder eine unzureichende Innenlagenanbindung zeigt.

Genau an dieser Stelle beginnt die Schliffbildanalyse: Sie macht die inneren Qualitätsmerkmale einer Leiterplatte messbar und nachvollziehbar.
In der Praxis wird die IPC-A-600 dabei allerdings häufig missverstanden. Sie ist keine vollständige technische Leistungsnorm für jede Leiterplatte, sondern beschreibt vor allem visuelle Abnahmekriterien und Bewertungsgrundlagen. Die konkreten Anforderungen an Aufbau, Fertigungsleistung und zulässige Merkmale ergeben sich zusätzlich aus der jeweils passenden IPC-6012-Reihe. Für eine belastbare Qualitätssicherung müssen beide Ebenen zusammen betrachtet werden.
Die Rolle der Schliffbildanalyse in der Qualitätssicherung
Die Schliffbildanalyse, international auch als Microsectioning bezeichnet, ist ein destruktives Prüfverfahren. Dafür wird eine Probe aus der Leiterplatte entnommen, eingebettet, geschliffen und poliert. Anschließend untersucht man den Querschnitt unter dem Mikroskop.
Das klingt zunächst nach einer recht groben Methode: Man zerstört einen Teil des Prüflings, um ihn anschließend genauer anzusehen. Bei mehrlagigen starren, flexiblen oder starr-flexiblen Leiterplatten ist diese Vorgehensweise jedoch oft die einzige Möglichkeit, verdeckte Fertigungsmerkmale direkt zu beurteilen. AOI und elektrische Prüfung bleiben wichtige Bestandteile der Qualitätssicherung, können aber nicht jede innere Struktur zuverlässig erfassen.
Mit einer optischen Inspektion auf der Oberfläche erkennen wir beispielsweise:
- Fehlstellen im Lötstopplack,
- unvollständigen oder versetzten Bestückungsdruck,
- sichtbare Leiterbahnunterbrechungen,
- offene Lötstellen und bestimmte Montagefehler,
- auffällige Bohrungen oder beschädigte Anschlussflächen.
Was dabei verborgen bleibt, sind unter anderem:
- die tatsächliche Kupferschichtdicke in einer durchkontaktierten Bohrung,
- Hohlräume innerhalb der Bohrlochmetallisierung,
- die Qualität der Verbindung zwischen Innenlage und Durchkontaktierung,
- Delaminationen zwischen den Lagen,
- Harzrisse und Rückätzungen,
- angehobene Anschlussflächen,
- Fehlausrichtungen zwischen Bohrungen, Pads und Innenlagen.
Die Schliffbildanalyse ergänzt deshalb die übrigen Prüfverfahren, statt sie zu ersetzen. Sie liefert keinen allgemeinen Qualitätsstempel für die gesamte Leiterplatte, sondern einen detaillierten Blick auf ausgewählte Querschnitte und Merkmale. Die Auswahl der Probe ist daher bereits ein Teil der Prüfstrategie.
Ein sauberes Außenbild beweist bei einer mehrlagigen Leiterplatte noch nicht, dass die innere Verbindung zuverlässig aufgebaut ist.
Warum die Auswahl der Schnittstelle entscheidend ist
Ein Schliffbild ist immer eine Momentaufnahme an einer bestimmten Stelle. Wird eine unkritische Bohrung untersucht, kann das Ergebnis einwandfrei sein, obwohl ein anderes Bohrfeld oder ein thermisch besonders belasteter Bereich Probleme zeigt.
Für die Auswahl geeigneter Querschnitte kommen deshalb typischerweise Bereiche infrage, in denen sich Fertigungsrisiken konzentrieren:
- durchkontaktierte Bohrungen mit kleinerem Durchmesser,
- hohe Aspektverhältnisse,
- dicht gepackte BGA- oder Fine-Pitch-Bereiche,
- Übergänge zwischen Innenlagen und Durchkontaktierungen,
- mechanisch belastete Zonen,
- Bereiche mit vielen thermischen Zyklen,
- starr-flexible Übergänge,
- Bohrungen nahe an Kupferflächen oder Innenlagenstrukturen.
Bei einer Serienfreigabe sollte die Analyse nicht nur als Reaktion auf einen bereits sichtbaren Fehler stattfinden. Sie kann ebenso als Verifikation des Fertigungsprozesses dienen, etwa bei einem neuen Leiterplattenaufbau, einem neuen Hersteller oder einer Änderung des Lagenaufbaus.
Die Aussagekraft hängt dabei von mehreren Faktoren ab: von der Lage des Schnitts, der Präparation, der Vergrößerung, der Messmethode und der korrekten Zuordnung zur vereinbarten Qualitätsklasse. Ein schlecht präpariertes Schliffbild kann selbst erfahrene Prüfer in die Irre führen. Ausbrüche, Schmierstellen oder schräg angeschnittene Bohrungen lassen dann schnell wie echte Fertigungsfehler aussehen.
IPC-A-600 und IPC-6012: zwei Normen mit unterschiedlichen Aufgaben
Die zentrale Unterscheidung lautet: Die IPC-A-600 beschreibt, wie Leiterplattenmerkmale visuell beurteilt werden können und welche Abnahmekriterien für typische Erscheinungsbilder gelten. Die IPC-6012-Reihe legt dagegen die technischen Leistungsanforderungen für bestimmte Leiterplattentypen fest, insbesondere für starre Leiterplatten.
Wer nur auf die IPC-A-600 verweist, lässt deshalb eine wichtige Frage offen: Welche konkrete Leistungsanforderung gilt für den jeweiligen Leiterplattenaufbau? Eine visuelle Richtlinie allein ersetzt keine vollständige Produktspezifikation.
Für die Prüfung lässt sich die Aufgabenverteilung vereinfacht so zusammenfassen:
| Prüfgrundlage | Hauptaufgabe | Bedeutung für die Schliffbildanalyse |
|---|---|---|
| IPC-A-600 | Visuelle Abnahme- und Bewertungsrichtlinien | Zeigt, wie Merkmale und typische Fehlerbilder beurteilt werden |
| IPC-6012-Reihe | Technische Leistungsanforderungen für Leiterplatten | Liefert konkrete Anforderungen an Aufbau und Fertigungsleistung |
| Kundenspezifikation | Produktspezifische Ergänzungen | Kann strengere oder zusätzliche Anforderungen definieren |
| Zeichnung und Fertigungsdaten | Geometrische und konstruktive Vorgaben | Legen fest, welche Bohrungen, Lagen und Bereiche relevant sind |
Gerade bei der IPC-A-600 Schliffbildanalyse Anforderungen sollten wir deshalb nicht mit einer einzelnen Zahl beginnen, sondern mit der Frage: Welche Leiterplattenklasse und welche Produktanforderung wurden vereinbart?
Das verhindert einen typischen Fehler im Layout-Review und in der Wareneingangsprüfung. Ein Entwickler entdeckt beispielsweise eine bestimmte Kupferschichtdicke im Schliffbild und erklärt sie sofort für akzeptabel oder nicht akzeptabel. Ohne Kenntnis der Qualitätsklasse, der Nennstärke, des Messpunkts und der zugrunde liegenden Leistungsnorm ist diese Bewertung jedoch unvollständig.
Die Rolle der Qualitätsvereinbarung
Die IPC-Klassifizierung ist ein wichtiger Rahmen, aber sie sollte bereits bei der Entwicklung und Beschaffung eindeutig festgelegt werden. Eine Leiterplatte für ein einfaches Konsumprodukt wird in der Regel anders bewertet als eine Baugruppe, bei der ein Ausfall erhebliche funktionale oder sicherheitsrelevante Folgen hätte.
Dabei sollte die Qualitätsklasse nicht erst nach der Fertigung aus einem Fehlerbericht abgeleitet werden. Sie gehört in die technische Dokumentation, in die Leiterplattenzeichnung und in die Abstimmung mit dem Fertiger. Auch die Frage, ob ein Schliffbild als Routineprüfung, als Erstbemusterung oder als Fehleranalyse erstellt wird, sollte klar sein.
Für die Auswertung brauchen wir außerdem die Information, welche Stelle untersucht wurde. Ein aussagekräftiger Prüfbericht enthält daher nicht nur ein Mikroskopbild, sondern möglichst auch:
- die Bezeichnung der Leiterplatte und des Fertigungsloses,
- die untersuchte Bohrung oder den markierten Bereich,
- den Lagenaufbau,
- die vereinbarte IPC-Klasse,
- die angewendete Spezifikation,
- die gemessenen Schichtdicken,
- die festgestellten Abweichungen,
- die Bewertung des Merkmals und gegebenenfalls die Entscheidung zur Freigabe.
So bleibt die Leiterplatten-Schliffbild-Auswertung auch später nachvollziehbar. Ein Foto ohne Kennzeichnung ist dagegen eher ein hübscher Ausschnitt als ein belastbarer Qualitätsnachweis.
IPC-Klasse 1, 2 und 3: Was ändert sich in der Bewertung?
Die IPC-A-600 unterscheidet drei Qualitätsklassen:
1. Klasse 1 steht für allgemeine Elektronik, bei der die Hauptanforderung in der Funktion des Produkts liegt.
2. Klasse 2 gilt für gewerbliche oder spezialisierte Elektronik mit höheren Anforderungen an Lebensdauer und Zuverlässigkeit.
3. Klasse 3 ist für Hochleistungselektronik vorgesehen, bei der dauerhaft hohe Anforderungen an Funktion und Zuverlässigkeit bestehen, etwa in der Luft- und Raumfahrt oder in bestimmten Bereichen der Medizintechnik.
Die Klassen sind nicht einfach eine Rangliste von gut bis besser. Sie beschreiben unterschiedliche Anforderungsniveaus und erlauben je nach Klasse unterschiedliche Bewertungsgrenzen. Ein Merkmal, das bei Klasse 2 noch innerhalb der zulässigen Kriterien liegen kann, ist bei Klasse 3 möglicherweise nicht akzeptabel.
Das betrifft insbesondere die Innenstruktur von Durchkontaktierungen. Bei einer Leiterplatte der Klasse 3 werden an die Bohrlochmetallisierung besonders hohe Anforderungen gestellt. Für durchkontaktierte Bohrungen wird üblicherweise eine minimale Kupferschichtdicke von 25 µm gefordert. Außerdem sind Hohlräume in der Lochwandkupferschicht bei Klasse 3 in der Regel nicht zulässig, während Klasse 2 unter bestimmten Randbedingungen minimale Fehlstellen erlauben kann.
Diese Aussage sollte im Prüfbericht nicht losgelöst von der angewendeten Revision und der vollständigen Spezifikation verwendet werden. Normen werden aktualisiert, Anforderungen können sich ändern, und kundenspezifische Vorgaben können über die allgemeine IPC-Klasse hinausgehen.
Die aktuelle Revision der IPC-6012 für starre Leiterplatten ist IPC-6012F, veröffentlicht im Oktober 2023. Die IPC-A-600 wurde mit der Revision IPC-A-600M im Mai 2025 aktualisiert. Bei einer laufenden Serie sollte daher festgehalten werden, auf welche Ausgabe sich die Bestellung und die Abnahme beziehen. Ein Verweis auf die IPC-A-600 ohne Revisionsstand lässt unnötigen Interpretationsspielraum.
Ein praktischer Vergleich der Klassen
| Merkmal | IPC-Klasse 1 | IPC-Klasse 2 | IPC-Klasse 3 |
|---|---|---|---|
| Typischer Einsatz | Allgemeine Elektronik | Gewerbliche und spezialisierte Elektronik | Hochleistungselektronik |
| Schwerpunkt | Grundlegende Funktion | Dauerhaftigkeit und zuverlässiger Betrieb | Höchste Anforderungen an Zuverlässigkeit |
| Bewertung innerer Merkmale | Funktional angemessen | Strenger als Klasse 1 | Besonders streng und auf langfristige Sicherheit ausgelegt |
| Hohlräume in der PTH-Kupferschicht | Je nach Merkmal und Spezifikation bewertbar | Unter bestimmten Randbedingungen minimale Fehlstellen möglich | In der Regel nicht zulässig |
| Kupferschicht im Durchkontakt | Nach vereinbarter Spezifikation | Nach vereinbarter Spezifikation | Üblicherweise mindestens 25 µm |
| Konsequenz für die Fertigung | Wirtschaftliche Prozessauslegung möglich | Engere Prozessbeherrschung erforderlich | Sehr stabile Prozesse und belastbare Nachweise erforderlich |
Ein häufiger Anfängerfehler besteht darin, Klasse 3 lediglich als Etikett für besonders hochwertige Bauteile zu behandeln. Tatsächlich verändert die Klasse die gesamte Prozessbetrachtung: vom Bohrdaten- und Lagenaufbau über die Galvanik bis zur Dokumentation und Fehlerbewertung.
Welche Merkmale das Schliffbild sichtbar macht
Das Schliffbild zeigt die Leiterplatte nicht als elektrische Schaltung, sondern als aufgeschnittene Materialstruktur. Genau darin liegt seine Stärke. Wir sehen, wie Kupfer, Harz, Glasgewebe und Kernmaterial tatsächlich zueinander liegen und ob die konstruierten Verbindungen fertigungstechnisch sauber umgesetzt wurden.
Bohrlochmetallisierung und Innenlagenanbindung
Bei durchkontaktierten Bohrungen wird die Kupferschicht an der Lochwand besonders genau betrachtet. Entscheidend sind dabei nicht nur die nominalen Abmessungen, sondern auch die Gleichmäßigkeit der Metallisierung und die Verbindung zu den Innenlagen.
Im Schliffbild können unter anderem folgende Auffälligkeiten sichtbar werden:
- zu geringe Kupferdicke an einzelnen Stellen,
- lokale Verdünnungen der Lochwandmetallisierung,
- Hohlräume oder Unterbrechungen,
- unzureichende Anbindung an Innenlagen,
- Fehlausrichtung von Bohrung und Pad,
- mechanische Beschädigungen im Bohrlochbereich.
Die Kupferschicht ist dabei nicht überall gleich stark. Eine gewisse Verteilung über den Umfang ist prozessbedingt möglich. Für die Bewertung zählt deshalb, wo gemessen wurde und welche Mindestanforderung an genau diesem Merkmal gilt. Eine einzelne Messung an der dicksten Stelle beschreibt nicht automatisch die Qualität der gesamten Bohrung.
Besonders kritisch wird die Situation bei kleinen Bohrdurchmessern und großen Lagenzahlen. Mit wachsendem Aspektverhältnis steigen die Anforderungen an Bohren, Desmear und galvanische Durchkontaktierung. Auch das Layout beeinflusst die Herstellbarkeit: ungünstige Bohrgeometrien, zu geringe Abstände oder schlecht zugängliche Bereiche erhöhen das Risiko, dass die Verbindung nicht gleichmäßig aufgebaut wird.
Hohlräume in der Kupferschicht
Copper Plating Voids, also Hohlräume in der Bohrlochmetallisierung, gehören zu den Fehlerbildern, die von außen meist nicht erkennbar sind. Je nach Position und Ausdehnung können sie die Stromtragfähigkeit und die mechanische beziehungsweise thermische Zuverlässigkeit der Durchkontaktierung beeinträchtigen.
Für Klasse 3 sind solche Fehlstellen in der Regel nicht akzeptabel. Bei Klasse 2 kann die Bewertung unter bestimmten Bedingungen differenzierter ausfallen. Das bedeutet nicht, dass jeder kleine Hohlraum automatisch unkritisch ist. Die Lage innerhalb der Kupferschicht, die Größe, die Häufigkeit und die Auswirkung auf die durchgehende Verbindung müssen im Zusammenhang beurteilt werden.
Wenn im Schliffbild ein Void auftaucht, sollte die Reaktion deshalb nicht in einem reflexhaften Schuldzuweisungsmodus beginnen. Zuerst wird geklärt:
1. Handelt es sich tatsächlich um einen Hohlraum oder um ein Präparationsartefakt?
2. Wo liegt die Fehlstelle innerhalb der Bohrlochmetallisierung?
3. Welche Qualitätsklasse und welche Spezifikation gelten?
4. Tritt das Merkmal nur in einer Probe oder wiederholt im Los auf?
5. Gibt es einen Zusammenhang mit Bohrdurchmesser, Lagenaufbau oder Galvanikprozess?
Erst danach lässt sich entscheiden, ob eine Einzelabweichung, ein Prozessproblem oder ein systematischer Design-Fertigungs-Konflikt vorliegt.
Delamination, Harzrisse und Rückätzung
Nicht jede Auffälligkeit im Schliffbild betrifft die Bohrung selbst. Auch das Laminat und die Übergänge zwischen den Materialien liefern wichtige Hinweise.
Delamination bezeichnet eine Trennung oder Ablösung innerhalb des Laminataufbaus. Sie kann die mechanische Stabilität, die Feuchtigkeitsbeständigkeit und das Verhalten bei thermischer Belastung beeinflussen. Im Schliffbild erscheint sie als auffälliger Spalt oder als gestörte Verbindung zwischen Materialschichten.
Harzrisse können sich in der Umgebung von Bohrungen oder zwischen den Lagen zeigen. Sie sind besonders relevant, wenn sie bis zu leitfähigen Strukturen reichen oder durch thermische Zyklen weiter wachsen können.
Rückätzung, häufig als Etchback bezeichnet, beschreibt eine Veränderung des Materials im Bohrlochbereich, bei der die Geometrie der Innenlagenanbindung beeinflusst werden kann. Eine kontrollierte Ausführung kann Bestandteil des Fertigungsprozesses sein; eine übermäßige oder ungünstige Ausprägung kann dagegen die Verbindung zwischen Bohrlochmetallisierung und Innenlage schwächen.
Nailheading beschreibt eine nagelkopfähnliche Verformung beziehungsweise Ausprägung von Kupfer an Innenlagen. Auch hier ist die Bewertung nicht allein vom Namen des Fehlerbilds abhängig. Entscheidend ist, ob die Struktur die elektrische Verbindung, die mechanische Stabilität oder die geforderte Zuverlässigkeit beeinträchtigt.
Lifted Pads und Fehlausrichtung
Angehobene Anschlussflächen, sogenannte Lifted Pads, können durch thermische oder mechanische Belastungen entstehen oder während der Fertigung sichtbar werden. Im Querschnitt lässt sich besser erkennen, ob eine Anschlussfläche korrekt im Laminat verankert ist oder ob sich eine Trennung zwischen Pad und Umgebung abzeichnet.
Misregistration, also die Fehlausrichtung von Lagen, Bohrungen oder Strukturen, ist besonders bei feineren Geometrien relevant. Ein Versatz kann dazu führen, dass eine Durchkontaktierung eine Innenlagenfläche nur teilweise trifft. Von außen ist die Bohrung möglicherweise völlig unauffällig; im Schliffbild wird erst sichtbar, wie groß die tatsächliche Überdeckung ist.
Das ist einer der Punkte, an denen das Layout direkt mit der Fertigungsqualität verbunden ist. Wenn der Entwurf bereits mit sehr knappen Toleranzen arbeitet, kann eine normale Prozessstreuung ausreichen, um die Anbindung zu verschlechtern. Ein großzügigeres Pad- beziehungsweise Annular-Ring-Konzept ist nicht immer möglich, aber es sollte bewusst gegen die geforderte IPC-Klasse und den Fertigungsprozess abgewogen werden.
Die beste Schliffbildanalyse ist nicht die, die möglichst viele Fehler findet, sondern die, deren Ergebnisse bereits in der Layout- und Prozessplanung berücksichtigt wurden.
Kupferschichtdicken richtig bewerten
Die Kupferschichtdicke im Durchkontakt ist eine der bekanntesten Messgrößen der Schliffbildanalyse. Gleichzeitig gehört sie zu den Werten, die am häufigsten aus dem Zusammenhang gerissen werden.
Für Leiterplatten der IPC-Klasse 3 wird üblicherweise eine minimale Kupferschichtdicke von 25 µm in durchkontaktierten Bohrungen gefordert. Zusätzlich können die Richtlinien eine Reduzierung der Kupferschichtdicke an einzelnen Stellen bis zu 20 % der Nennstärke berücksichtigen. Diese Angabe darf jedoch nicht als Freibrief verstanden werden, die Mindestanforderung beliebig zu unterschreiten. Nennstärke, Mindeststärke, Messposition und anwendbare Revision müssen zusammen gelesen werden.
Bei der Messung schauen wir daher nicht nur auf einen einzelnen Zahlenwert. Relevant sind unter anderem:
- die Kupferdicke an mehreren Positionen der Lochwand,
- die Gleichmäßigkeit über den Umfang,
- die Lage der dünnsten Stelle,
- die Verbindung zu den Innenlagen,
- mögliche Hohlräume oder Risse,
- die Relation zur vereinbarten Nenn- und Mindestdicke.
Auch die Präparation beeinflusst die Messung. Wird die Probe nicht exakt senkrecht zur Bohrungsachse geschnitten, kann die Kupferschicht geometrisch verzerrt erscheinen. Schleifspuren oder Ausbrüche können die Kante undeutlich machen. Vor einer technischen Bewertung sollte daher klar sein, ob das Bild für eine quantitative Messung ausreichend ist.
Von der Messung zur Prozessbewertung
Ein einzelner zu niedriger Messwert ist ein Signal, aber noch keine vollständige Ursachenanalyse. Für die Bewertung des Fertigungsprozesses ist interessant, ob sich ein Muster zeigt.
Treten dünne Bereiche nur an Bohrungen mit hohem Aspektverhältnis auf, deutet das in eine andere Richtung als eine generelle Abweichung über verschiedene Bohrtypen hinweg. Zeigen sich die Auffälligkeiten nur an einer bestimmten Innenlage, kann die Ursache im Lagenaufbau, in der Bohrtiefe oder in der lokalen Geometrie liegen. Wiederkehrende Hohlräume an derselben Stelle sprechen eher für ein Prozess- oder Designproblem als für einen zufälligen Einzelfall.
Eine sinnvolle Fehleranalyse verbindet deshalb mehrere Informationsquellen:
- die Schliffbilder verschiedener Proben,
- die Bohr- und Fertigungsdaten,
- den Lagenaufbau,
- die elektrische Prüfung,
- AOI- und gegebenenfalls Röntgenbefunde,
- Angaben zur Prozessführung,
- Rückmeldungen aus der Bestückung und dem Reflow-Prozess.
Die Röntgeninspektion kann beispielsweise bei verdeckten Lötstellen und bestimmten inneren Strukturen Hinweise liefern, ersetzt aber nicht die metallografische Untersuchung der Kupferschichten. Umgekehrt liefert das Schliffbild eine sehr präzise lokale Aussage, aber keine zerstörungsfreie Prüfung jeder einzelnen Bohrung des Loses.
Schliffbildanalyse als Bestandteil eines abgestuften Prüfkonzepts
In einer belastbaren Qualitätssicherung wird nicht jede Frage mit demselben Prüfverfahren beantwortet. Die Verfahren haben unterschiedliche Stärken und Grenzen.
Eine typische Kombination kann so aussehen:
1. Sichtprüfung nach IPC-A-600: Äußere Merkmale, Oberflächenbild, Lötstopplack, Bestückungsdruck und sichtbare Auffälligkeiten werden bewertet.
2. AOI-Prüfung: Automatisierte optische Inspektion erkennt geometrische und montagebezogene Abweichungen an zugänglichen Bereichen.
3. Elektrische Prüfung: Unterbrechungen, Kurzschlüsse und bestimmte Netzfehler werden geprüft.
4. Röntgeninspektion: Verdeckte Lötstellen und innere Strukturen werden zerstörungsfrei untersucht.
5. Schliffbildanalyse: Ausgewählte Querschnitte werden destruktiv auf innere Material- und Verbindungsmerkmale geprüft.
6. Ursachenanalyse: Auffälligkeiten werden mit Layout, Prozessdaten und Ausfallbild zusammengeführt.
Diese Reihenfolge ist kein starres Rezept. Bei einer neuen Technologie, einer sicherheitskritischen Baugruppe oder einem auffälligen Fertigungslos kann die Schliffbildanalyse frühzeitig eingeplant werden. Entscheidend ist, dass das Verfahren zur Fragestellung passt.
Wenn beispielsweise die Frage lautet, ob eine BGA-Lötstelle korrekt ausgebildet ist, ist eine Röntgeninspektion oft der naheliegende erste Schritt. Soll dagegen die Kupferdicke in einer durchkontaktierten Bohrung oder die Anbindung einer Innenlage beurteilt werden, führt kein Weg am Querschnitt vorbei.
Was ein gutes Prüfprotokoll leisten sollte
Ein gutes Prüfprotokoll macht die Bewertung auch für Personen verständlich, die das Schliffbild nicht selbst erstellt haben. Dazu gehören markierte Messstellen, eine nachvollziehbare Vergrößerung und eine klare Beschreibung der beobachteten Merkmale.
Formulierungen wie „Schliffbild unauffällig“ sind für eine schnelle interne Notiz vielleicht ausreichend, für eine Serienfreigabe jedoch zu knapp. Besser ist eine Beschreibung, aus der hervorgeht, welche Merkmale tatsächlich geprüft wurden: etwa die Kupferschichtdicke in den PTH-Bohrungen, die Anbindung an die Innenlagen und das Fehlen relevanter Hohlräume im untersuchten Bereich.
Auch die Einschränkung muss dokumentiert werden: Eine destruktive Prüfung bezieht sich auf die entnommene Probe und die untersuchten Querschnitte. Sie beweist nicht automatisch, dass jede Leiterplatte und jede Bohrung des gesamten Loses identisch aufgebaut ist. Ihre Aussagekraft steigt durch eine geeignete Stichprobenauswahl und durch die Verbindung mit anderen Prüf- und Prozessdaten.
Was sich bereits im Layout verbessern lässt
Die Schliffbildanalyse findet zwar in der Fertigung oder im Labor statt, ihre Ergebnisse führen aber häufig zurück zum CAD-System. Manche Fehler entstehen nicht, weil ein Fertiger unachtsam gearbeitet hat, sondern weil das Layout nur unter idealisierten Bedingungen funktioniert.
Achten Sie beim Routing und bei der Definition des Lagenaufbaus besonders auf:
- ausreichende Ringflächen um durchkontaktierte Bohrungen,
- realistische Bohrdurchmesser und Aspektverhältnisse,
- ausreichende Abstände zu Innenlagen und benachbarten Strukturen,
- Fertigungstoleranzen bei Lagenversatz und Bohrposition,
- geeignete Pad- und Antipad-Geometrien,
- die Anforderungen an starr-flexible Übergänge,
- die thermische und mechanische Belastung kritischer Durchkontaktierungen,
- klare Angaben zur geforderten IPC-Klasse und zur Abnahmespezifikation.
Der DRC meldet Ihnen möglicherweise, dass alle Abstände eingehalten werden. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Konstruktion in der gewünschten Qualitätsklasse robust gefertigt werden kann. Ein Layout kann formal regelkonform und trotzdem unnötig empfindlich gegenüber Prozessstreuungen sein. Genau hier beginnt gutes DFM: nicht erst beim roten DRC-Fehler, sondern schon bei der Frage, wie viel Toleranz wir einer Struktur tatsächlich zugestehen.
Typische Anfängerfehler sehe ich besonders bei der Kombination aus kleinen Bohrungen, vielen Lagen und knapp dimensionierten Innenlagenpads. Im CAD-System wirkt die Verbindung sauber, weil alle Netze verbunden sind. Im Schliffbild zeigt sich später jedoch, dass der nutzbare Überlappungsbereich deutlich kleiner ist als erwartet. Ein etwas robusteres Pad-Design kann in solchen Fällen mehr bewirken als eine nachträgliche Diskussion über einzelne Mikrometer.
Der klare Praxisbefund
Für die Qualitätssicherung hochwertiger Leiterplatten ist die Schliffbildanalyse kein dekorativer Laborbericht, sondern ein gezieltes Werkzeug zur Bewertung innerer Strukturen. Sie zeigt, ob Bohrlochmetallisierungen, Innenlagenanbindungen und Laminatbereiche so aufgebaut sind, wie es die technische Spezifikation verlangt.
Die IPC-A-600 liefert dafür die visuelle Bewertungsgrundlage. Die IPC-6012-Reihe beschreibt die zugehörigen Leistungsanforderungen, insbesondere für starre Leiterplatten. Die Qualitätsklasse entscheidet darüber, wie streng bestimmte Merkmale bewertet werden. Bei IPC Klasse 3 gehören eine üblicherweise geforderte minimale Kupferschichtdicke von 25 µm in durchkontaktierten Bohrungen und die besonders strenge Bewertung von Hohlräumen zu den zentralen Punkten.
Mein Urteil fällt deshalb eindeutig aus: Wenn eine Leiterplatte in Klasse 3 oder für eine besonders zuverlässige Anwendung gefertigt wird, sollte die Schliffbildanalyse früh in die Prüfplanung aufgenommen werden — nicht erst dann, wenn AOI, elektrische Prüfung oder ein Feldausfall bereits einen Verdacht liefern. Entscheidend ist aber, die Analyse nicht isoliert zu betrachten. Erst das Zusammenspiel aus IPC-A-600, IPC-6012, Fertigungsdaten, geeigneter Stichprobe und sauberer Dokumentation ergibt eine belastbare Aussage.
Wer die Ergebnisse anschließend wieder ins Layout zurückführt, bekommt mehr als einen Fehlernachweis: Er gewinnt konkrete Hinweise für robustere Footprints, toleranzfähigere Bohrgeometrien und ein Design, das nicht nur im CAD-System funktioniert, sondern auch im Querschnitt überzeugt.