Europas Leiterplatten-Renaissance scheitert an instabilen Lieferketten
Nach Evertiq-Bericht schrumpfte die Zahl der europäischen PCB-Hersteller in den letzten 20 Jahren von über 600 auf unter 150 – bei nur noch einem verbliebenen Laminathersteller.

Die zurückkehrende Nachfrage aus KI, Rüstung und Rechenzentren trifft damit auf eine Substratbasis, deren Tg-Werte, Dielektrizitätskonstanten und Verlustfaktoren nicht beliebig austauschbar sind.
Der Engpass sitzt im Substrat
Die Knappheit beginnt beim Glasgewebe. Die KI-Industrie bindet Hochleistungsmaterialien wie Panasonic M6 oder M7 – spezifiziert für Tg-Werte oberhalb 170 °C und definierte Dk-Werte im Servereinsatz. Laut Evertiq liegen die Lieferzeiten für diese Materialien bei sechs bis neun Monaten. Standard-FR4, aus China früher binnen drei Tagen verfügbar, ist inzwischen mit Lieferzeiten von bis zu drei Monaten belegt. Die Ursache ist physikalisch: Ein Quadratmeter Premium-Laminat bindet die gleiche Produktionskapazität wie fünf Quadratmeter Standard-FR4. Investitionen fließen bevorzugt in höhermargige Segmente – Standardmaterialien werden dadurch zusätzlich knapp.
Parallel verschärft eine Harzknappheit die Lage. Evertiq verweist auf einen petrochemischen Komplex in Saudi-Arabien, der rund 70 Prozent des weltweit für PCB-Laminate benötigten Harzes liefert. Nach den Konflikten im Nahen Osten ist die Produktion noch nicht vollständig wieder angelaufen. Neue Kapazitäten für kupferkaschierte Laminate – auch in China – sind angekündigt, aber nicht im Zeitrahmen, den der aktuelle Bedarf verlangt. Beide Engpässe überlagern sich: Glasgewebe limitiert den Aufbau, Harz die laufende Produktion.
Konsequenzen für die Qualifizierung
Wenn Standard-FR4 nicht verfügbar ist, wird die Substitution zum Messproblem. Ein Wechsel des Glasgewebetyps verändert Dk und Df; ein anderes Harzsystem verschiebt den Tg-Wert und damit das Verhalten im Reflow-Prozess. Erste Prüfparameter bei einer Materialsubstitution sind CAF-Wachstum, Haftfestigkeit in den Mikrovias nach thermaler Wechselbelastung und der Ionenmigrations-Widerstand unter 85 °C/85 % rF. Dazu kommen Impedanzmessungen an Referenzstrukturen und Lötbarkeitsprüfungen nach beschleunigter Alterung. Vytautas Ilgunas bringt es laut Evertiq auf den entscheidenden Punkt: Verfügbarkeit schlägt Preis. Für die Prüfpraxis heißt das: Jede Materialänderung verlangt Querschliffe, DSC- oder DMA-Messungen zur Tg-Bestimmung und eine neue Freigabe, die sich statt über Wochen über Quartale streckt.
Was bleibt zu beobachten
Die von Evertiq zitierten Experten erwarten eine spürbare Entspannung frühestens Ende 2027 oder 2028. Die aktuellen Auftragsdaten stützen diese Einschätzung: NCAB meldete für Q2 2026 ein organisches Auftragswachstum von 58 Prozent mit Vorbestellungen bis 2027. Scanfil bestätigte seine Jahresprognose von 940 Millionen bis 1,06 Milliarden Euro, gestützt auf Wachstum in Luftfahrt und Verteidigung. Beide Zahlen verlängern den Engpass, statt ihn aufzulösen. Bis dahin ist jede Spezifikation gegen den verfügbaren Materialmix zu prüfen – und jede Substitution gegen ihren Einfluss auf Impedanz, Tg und Langzeitzuverlässigkeit.