AOI oder Röntgen: Prüfverfahren für Leiterplatten im Vergleich

Der DRC ist grün, die Bestückungsdaten sind freigegeben, und trotzdem fällt die Baugruppe in der Qualitätsprüfung durch: ein versetztes Bauteil, eine sichtbare Lötbrücke oder – deutlich unangenehmer – ein Lunker unter einem BGA-Gehäuse.

AOI oder Röntgen: Prüfverfahren für Leiterplatten im Vergleich

Genau an dieser Stelle zeigt sich, dass es bei der Leiterplattenprüfung nicht die eine universelle Methode gibt.

Die Frage „AOI oder Röntgeninspektion für Leiterplatten?“ lässt sich deshalb nicht mit einem pauschalen Sieger beantworten. Die automatische optische Inspektion, kurz AOI, prüft die zugängliche Oberfläche schnell und vollständig. Die automatische Röntgeninspektion, AXI, blickt in verdeckte Lötstellen und interne Strukturen hinein. Wer beide Verfahren gegeneinander ausspielt, vergleicht letztlich zwei Werkzeuge, die für unterschiedliche Fehlerbilder entwickelt wurden.

AOI prüft, was die Kamera sehen kann

Bei der automatischen optischen Inspektion wird die bestückte Leiterplatte mit Kameras und abgestimmten Beleuchtungssystemen untersucht. Das System vergleicht die reale Baugruppe mit den hinterlegten CAD-, Bibliotheks- und Fertigungsdaten und sucht nach Abweichungen an der Oberfläche.

Typische AOI-Befunde sind:

  • fehlende oder falsch bestückte Bauteile,
  • verdrehte Bauteile und fehlerhafte Polaritäten,
  • sichtbarer Versatz von Bauteilen,
  • Lötbrücken zwischen Anschlüssen,
  • unzureichende oder auffällige Lötstellen,
  • falsche Bauteilformen oder Bestückungspositionen,
  • Fehler am sichtbaren Bestückungsdruck, sofern dieser im Prüfprogramm berücksichtigt wird.

Gerade in einer Serienfertigung spielt AOI seine Stärke bei der Geschwindigkeit aus. Die Systeme können den Fertigungsprozess inline begleiten und sich für eine Prüfung jeder einzelnen Baugruppe eignen. In der Praxis ist das entscheidend: Ein Verfahren, das theoretisch sehr viel erkennt, aber den Linientakt nicht mitgeht, wird nicht automatisch zur besseren Lösung.

Bei modernen 3D-AOI-Systemen werden zusätzlich Höheninformationen ausgewertet. Dadurch lassen sich beispielsweise Unterschiede in der Bauteilhöhe oder in der sichtbaren Lötstellengeometrie besser beurteilen als mit einer reinen zweidimensionalen Bildaufnahme. Für eine 2D-AOI werden in der herangezogenen technischen Einordnung Auflösungen von ungefähr 10 µm und eine Prüfzeit von etwa 0,5 Sekunden pro Leiterplatte genannt. 3D-AOI kann bis ungefähr 5 µm auflösen, liegt dabei aber mit rund 1,2 Sekunden pro Leiterplatte typischerweise langsamer.

Diese Werte sind keine universelle Taktzeit für jede Fertigungslinie. Das tatsächliche Ergebnis hängt unter anderem von Leiterplattenformat, Bauteildichte, Prüfprogramm, Bildanzahl, Fehlerbibliothek und gewünschter Auswertungstiefe ab. Trotzdem zeigen sie die Richtung: AOI ist das schnelle Auge der Linie, nicht das Röntgengerät mit anderer Beleuchtung.

Der typische AOI-Fehler liegt oft nicht im Prüfprinzip

Wenn eine AOI zu viele Fehlalarme erzeugt, wird gern vorschnell die Kamera oder der Algorithmus verantwortlich gemacht. Häufig liegt die Ursache jedoch im Layout oder in den Fertigungsdaten. Ein schlecht gepflegter Footprint, ein unklar definierter Polaritätsmarker oder ein Bestückungsdruck, der zu dicht an den Pads steht, kann die automatische Auswertung unnötig erschweren.

Achten Sie beim Layout-Review deshalb nicht nur darauf, ob das Bauteil elektrisch korrekt angeschlossen ist. Prüfen Sie auch, ob die optische Erkennbarkeit für die spätere Qualitätskontrolle erhalten bleibt:

  • Sind Pin-1-Markierung und Polarität eindeutig sichtbar?
  • Liegt der Bestückungsdruck nicht über relevanten Lötflächen?
  • Gibt es genügend Abstand zwischen Referenzkennzeichnung und Bauteilkörper?
  • Sind Pads, Bauteilkanten und mögliche Lötbrücken im Kamerabild klar trennbar?
  • Sind die Bibliotheksdaten für Bauteilform, Orientierung und Prüfmerkmale korrekt hinterlegt?

Das klingt nach Detailarbeit – und genau das ist es auch. Ein Layout, das nur für die elektrische Funktion optimiert wurde, kann in der automatisierten Prüfung unnötig teuer werden, weil Nacharbeit und manuelle Verifikation steigen.

AOI findet den Fehler dort, wo die Baugruppe sichtbar wird. Was unter dem Gehäuse verborgen bleibt, gehört nicht in ihren Zuständigkeitsbereich.

AXI beginnt dort, wo AOI an ihre Sichtgrenze kommt

Die automatische Röntgeninspektion arbeitet mit Röntgenstrahlung und bildet innere Strukturen der Baugruppe ab. Damit lassen sich verdeckte Lötstellen und Fehlstellen untersuchen, die von oben nicht zugänglich sind.

Das betrifft vor allem:

  • BGA-Gehäuse,
  • CSP-Bauteile,
  • QFN-Anschlüsse und thermische Pads,
  • verdeckte Lötverbindungen,
  • interne Lufteinschlüsse beziehungsweise Lunker,
  • Strukturen, deren Qualität durch die Bauteilgehäuse verdeckt wird.

Eine optische Inspektion kann die äußeren BGA-Kanten, die Bauteillage und gegebenenfalls sichtbare Anschlussbereiche prüfen. Sie kann jedoch nicht zuverlässig feststellen, ob sich unter dem Gehäuse eine unzulässige Lötstellengeometrie oder ein relevanter Lunker befindet. Genau dafür wird AXI eingesetzt.

Bei der Röntgenprüfung gibt es unterschiedliche Ausprägungen. Die 2D-Röntgeninspektion liefert eine Projektion der inneren Strukturen. Das ist für viele Fehlerbilder bereits hilfreich, kann bei dicht übereinanderliegenden Strukturen aber die Interpretation erschweren. 3D-Röntgen und Computertomographie erzeugen zusätzliche räumliche Informationen und können verborgene Merkmale gezielter auswerten. Die genannte technische Einordnung nennt für moderne 3D-Röntgensysteme Auflösungen bis ungefähr 5 µm.

Diese Präzision bedeutet allerdings nicht, dass jede Leiterplatte mit derselben Detailtiefe geprüft wird. Prüfstrategie und Bildqualität müssen zum Bauteil, zur Baugruppengeometrie und zur Fehlerhypothese passen. Bei einem BGA mit vielen Lötstellen ist die Fragestellung eine andere als bei einem einzelnen QFN mit großem thermischem Pad. Auch die Auswertung der Röntgenbilder erfordert Erfahrung, weil sich Überlagerungen und Materialdicken auf das Bild auswirken können.

Lunker sind kein rein optisches Thema

Lunker entstehen als Lufteinschlüsse innerhalb einer Lötstelle. Ein einzelner kleiner Einschluss ist nicht automatisch ein Funktionsfehler. Problematisch wird es, wenn Größe, Lage oder Häufung die mechanische oder thermische Zuverlässigkeit der Verbindung beeinträchtigen.

Bei kritischen Anwendungen und BGA-Lötstellen werden nach Richtlinien wie IPC-A-610 Grenzwerte für den zulässigen Poren- beziehungsweise Lunkeranteil herangezogen. In der vorliegenden technischen Einordnung wird dafür typischerweise ein maximaler Lunkervolumenanteil von unter 25 Prozent genannt. Ob dieser Wert im konkreten Projekt unmittelbar gilt, muss anhand der vereinbarten Klasse, Baugruppenanforderung und Prüfvorgabe bewertet werden. Die Zahl ist also kein Freibrief für jede Baugruppe und auch kein Ersatz für eine sauber definierte Abnahmespezifikation.

Für die Bewertung braucht es ein Verfahren, das den verborgenen Bereich überhaupt erfassen kann. Eine AOI-Aufnahme kann an dieser Stelle noch so scharf und gut beleuchtet sein: Der Lunker liegt unter dem Gehäuse und bleibt der Kamera verborgen. Die Röntgenprüfung liefert die notwendige Information, um das Lötstellenvolumen zu beurteilen und Fehlerbilder in der Fehleranalyse einzuordnen.

Leiterplatten-Prüfverfahren im Vergleich

Die folgende Gegenüberstellung zeigt die unterschiedlichen Schwerpunkte von AOI und AXI. Sie ersetzt keine Prüfstrategie für ein konkretes Produkt, macht aber die Entscheidung im Fertigungsablauf deutlich übersichtlicher.

PrüfmerkmalAutomatische optische Inspektion (AOI)Automatische Röntgeninspektion (AXI)
PrüfprinzipKameras und Beleuchtung erfassen sichtbare OberflächenRöntgenstrahlung beziehungsweise Computertomographie macht innere Strukturen sichtbar
Typische FehlerFehlende Bauteile, Versatz, falsche Polarität, sichtbare LötbrückenVerdeckte Lötstellen, Lunker, interne Fehlstellen und Fehler unter BGA- oder CSP-Gehäusen
Sichtbare BauteileSehr gut geeignetMöglich, aber nicht die primäre Stärke
BGA-LötstellenNur äußere und zugängliche MerkmaleDirekte Beurteilung der verdeckten Lötstellen
PrüfgeschwindigkeitHoch; für 100-Prozent-Inline-Prüfungen geeignetIn der Regel niedriger; häufig selektiv oder als Stichprobe eingesetzt
Typische Auflösung moderner Systeme2D etwa 10 µm, 3D bis ungefähr 5 µm3D-Röntgen bis ungefähr 5 µm
Typische Rolle im ProzessSchnelle Serienprüfung und ProzessüberwachungTiefenprüfung, Verifikation und Analyse verdeckter Fehler
GrenzenKeine zuverlässige Aussage über verborgene Lötstellen und LunkerHöherer Prüfaufwand und nicht für jede Baugruppe mit voller Linientaktung geeignet

Der entscheidende Punkt ist nicht, welches Verfahren die höhere Auflösung besitzt. Entscheidend ist, ob die Auflösung am richtigen Fehlerbild ansetzt. Eine Kamera mit hoher Detailgenauigkeit bleibt auf die Oberfläche beschränkt. Ein Röntgensystem mit räumlicher Information ist dafür bei einer einfachen, vollständig sichtbaren Lötstelle nicht automatisch die wirtschaftlichste Lösung.

IPC-A-610 und IPC-7095 richtig einordnen

Normen und Richtlinien helfen nur dann, wenn sie im Projekt nicht als dekorative Fußnote behandelt werden. IPC-A-610 wird häufig als Referenz für die Abnahme elektronischer Baugruppen verwendet. Dort geht es unter anderem um akzeptable Zustände von Lötstellen, Bauteilen und Baugruppen. Für die Beurteilung muss jedoch klar sein, welche Produktklasse und welche projektspezifischen Anforderungen gelten.

Bei verdeckten Lötstellen kommt zusätzlich die Betrachtung der speziellen Geometrie hinzu. IPC-7095 befasst sich mit der Konstruktion und Umsetzung von Baugruppen mit BGA-Technologie und ist damit für die BGA-Inspektion eine wichtige Referenz. Die Normen beantworten jedoch nicht jede praktische Frage des Prüfprogramms. Sie legen nicht automatisch fest, dass jede Leiterplatte vollständig geröntgt werden muss oder dass AOI sämtliche Qualitätsmerkmale abdecken kann.

Für ein belastbares Prüfkonzept sollten wir drei Ebenen auseinanderhalten:

1. Welche Merkmale sind am Produkt kritisch?

Bei einer einfachen passiven Baugruppe können sichtbare Bestückungs- und Lötfehler im Vordergrund stehen. Bei BGA, CSP oder QFN kommen verdeckte Verbindungen hinzu, die optisch nicht ausreichend bewertet werden können.

2. Welche Fehler soll das Verfahren tatsächlich erkennen?

Eine Prüfung auf Bauteilversatz ist eine andere Aufgabe als die Bewertung von Lunkervolumen oder internen Lötstellen. Die Prüfmerkmale müssen im Programm, in den Grenzwerten und in der Nachprüfung eindeutig hinterlegt sein.

3. Welche Entscheidung folgt aus einem Befund?

Ein AOI-Alarm kann eine Nachkontrolle oder Nacharbeit auslösen. Ein auffälliger Röntgenbefund kann eine detaillierte Fehleranalyse, eine Querschliffanalyse oder eine Anpassung des Reflow-Prozesses erforderlich machen.

Gerade der letzte Punkt wird in Projekten gern übersehen. Ein Prüfgerät allein verbessert die Qualität nicht. Es erzeugt zunächst Daten. Erst durch klare Grenzwerte, geschulte Bewertung und eine Rückkopplung in Layout und Prozess werden daraus wirksame Maßnahmen.

Ein Prüfverfahren ist dann gut gewählt, wenn sein Befund eine konkrete technische Entscheidung ermöglicht – nicht wenn das Prüfprotokoll besonders lang aussieht.

Warum AOI und AXI in einer Linie zusammengehören

In der praktischen Fertigung ergänzen sich AOI und AXI, statt miteinander zu konkurrieren. AOI kann die sichtbaren Merkmale schnell und in hoher Stückzahl prüfen. AXI übernimmt die Bereiche, in denen eine Kamera physikalisch nicht weiterkommt. Diese Aufgabenteilung ist bei komplexen Baugruppen meist sinnvoller als der Versuch, ein einziges Verfahren für alle Fehlerarten einzusetzen.

Ein typischer Prüfablauf kann beispielsweise so aussehen:

  • Die Lotpastendeposition wird vor der Bestückung mit einer 3D-Lotpasteninspektion, SPI, bewertet.
  • Nach dem Reflow-Löten prüft AOI die sichtbaren Bauteile, Polaritäten, Positionen und Lötstellen.
  • Für definierte BGA-, CSP- oder QFN-Bereiche wird AXI eingesetzt.
  • Auffällige Befunde werden anhand der Fertigungsdaten und der vereinbarten Kriterien bewertet.
  • Bei wiederkehrenden Fehlern fließen die Ergebnisse zurück in Schablonendesign, Footprints, Bestückungsdaten oder Reflow-Profil.

3D-SPI liegt in der genannten technischen Einordnung bei einer typischen Auflösung von ungefähr 3 µm und einer Taktzeit von rund 0,8 Sekunden pro Leiterplatte. Das ist für die Prozesskette relevant, weil viele Fehler bereits bei der Lotpaste beginnen. Zu viel oder zu wenig Paste, ein verschobener Druck oder eine ungünstige Pad-Geometrie können später als Lötfehler erscheinen. AOI und AXI diagnostizieren dann möglicherweise die Folge, nicht die ursprüngliche Ursache.

Der Durchsatz entscheidet mit

AOI eignet sich aufgrund der hohen Prüfgeschwindigkeit für eine 100-Prozent-Prüfung in Serienlinien. AXI wird dagegen häufig selektiv oder als Stichprobe eingesetzt, weil die Prüfung je nach Bauteilspektrum, Bildanzahl und gewünschter Auswertung mehr Zeit beansprucht. Eine allgemeingültige AXI-Taktzeit für jede Fertigung lässt sich daraus nicht ableiten.

Für die Prüfplanung ist deshalb eine risikobasierte Aufteilung sinnvoll:

  • Sichtbare, häufige und prozessnahe Fehler werden möglichst vollständig mit AOI überwacht.
  • Verdeckte oder besonders kritische Lötstellen werden mit AXI abgesichert.
  • Bei neuen Produkten, Prozessänderungen oder auffälligen Fehlerbildern kann der Umfang der Röntgenprüfung zunächst höher liegen.
  • In stabilen Serienprozessen kann sich AXI auf definierte kritische Bauteile, Stichproben oder Fehleranalysen konzentrieren.

Das ist kein Qualitätskompromiss, sondern eine angemessene Nutzung der jeweiligen Verfahren. Eine 100-Prozent-AOI-Prüfung plus gezielte AXI-Prüfung kann mehr Aussagekraft liefern als eine pauschale, aber oberflächlich geplante Prüfung mit nur einem System.

Was das Layout für die spätere Prüfung leisten muss

Auch wenn AOI und AXI in der Fertigung stehen, beginnt die Prüfqualität bereits im CAD-System. Ein Layout, das die automatische Inspektion unnötig erschwert, produziert vermeidbare Kosten und mehr manuelle Bewertungen.

Für AOI sind vor allem klare optische Merkmale relevant. Der Bestückungsdruck sollte nicht auf Pads oder in Bereiche ragen, die für die Lötstellenbewertung benötigt werden. Pin-1-Markierungen müssen eindeutig sein, und die Bauteilorientierung sollte nicht nur in der Bestückungsdatei, sondern auch auf der Leiterplatte nachvollziehbar bleiben.

Bei BGA- und QFN-Designs verschiebt sich der Schwerpunkt. Hier geht es zusätzlich um Pad-Design, thermische Anbindung, Lötstopplack und die Geometrie der Anschlussflächen. Ein Footprint, der im Datenblatt plausibel aussieht, kann in Kombination mit Schablone, Lotpaste und Reflow-Profil dennoch zu einer ungünstigen Lötstellenverteilung führen. Die spätere AXI-Prüfung macht das Problem sichtbar, verhindert es aber nicht.

Achten Sie im Layout-Review insbesondere auf folgende Zusammenhänge:

  • Ein zu knapp ausgelegtes Pad kann die Prozessreserve verringern, auch wenn die Verbindung im ersten Muster funktioniert.
  • Ein ungünstig geöffneter Lötstopplack kann die Benetzung und die Lötstellenform beeinflussen.
  • Ein großes thermisches Pad unter einem QFN kann bei ungeeigneter Pastenaufteilung zu übermäßigen Lunkern führen.
  • Fehlende oder unklare Prüfmerkmale erschweren die AOI-Programmierung.
  • Eine hohe Bauteildichte kann optische Abschattungen erzeugen und die Nachkontrolle komplizieren.
  • Bei BGAs sollte die erwartete Röntgenbewertung bereits bei der Auswahl von Footprint, Schablonenlayout und Prozessfenster berücksichtigt werden.

Der häufige Anfängerfehler lautet an dieser Stelle: „Wenn die Leiterplatte elektrisch funktioniert, passt der Footprint.“ Für die Fertigung reicht das nicht. Ein guter Footprint muss elektrisch, mechanisch, löttechnisch und prüftechnisch funktionieren. Das ist weniger spektakulär als das eigentliche Routing, rettet aber so manches Projekt vor einer unnötigen zweiten Fertigungsrunde.

Auflösung ist kein Freifahrtschein für bessere Qualität

Die genannten Auflösungen von etwa 5 µm bei 3D-AOI und 3D-Röntgen klingen zunächst nach einem direkten Wettrennen. In der Praxis sollte man sich von solchen Zahlen nicht allein leiten lassen. Auflösung beschreibt, wie klein ein Merkmal prinzipiell abgebildet werden kann. Sie sagt noch nicht, ob dieses Merkmal im konkreten Aufbau zuverlässig erkannt und richtig bewertet wird.

Bei AOI beeinflussen Beleuchtung, Reflexionen, Bauteiloberflächen, Kamerawinkel und Abschattungen die Erkennung. Ein glänzendes Bauteilgehäuse kann eine andere Herausforderung darstellen als ein mattes Gehäuse mit klarer Kantenstruktur. Bei AXI spielen Materialdicke, Überlagerungen, Geometrie und die Position der Lötstelle im Strahlengang eine Rolle.

Auch die 2D- und 3D-Verfahren haben deshalb unterschiedliche Stärken. 2D-AOI kann für einfache, klar sichtbare Merkmale sehr schnell sein. 3D-AOI liefert zusätzliche Höheninformationen, benötigt dafür aber mehr Prüfzeit und eine geeignete Datenbasis. 2D-Röntgen kann verdeckte Bereiche effizient abbilden, während 3D-Röntgen und Computertomographie bei komplexeren inneren Strukturen mehr räumliche Informationen liefern.

Für die Auswahl sollte nicht die höchste technische Spezifikation auf dem Datenblatt ausschlaggebend sein, sondern die Kombination aus:

  • relevantem Fehlerbild,
  • erforderlicher Nachweisgrenze,
  • Baugruppenkomplexität,
  • gewünschtem Durchsatz,
  • Prüfkosten und Verfügbarkeit,
  • Auswertbarkeit der Ergebnisse,
  • Rückkopplung in den Fertigungsprozess.

Welche Methode für welche Baugruppe?

Ein paar typische Konstellationen helfen bei der Einordnung.

Baugruppe mit überwiegend sichtbaren Anschlüssen

Bei einer Baugruppe mit gut zugänglichen Bauteilen, klaren Lötstellen und hoher Stückzahl ist AOI meist das zentrale Verfahren. Fehlende Bauteile, Versatz, Polarität und sichtbare Lötbrücken lassen sich schnell prüfen. AXI wäre hier nur dann zusätzlich sinnvoll, wenn besondere Zuverlässigkeitsanforderungen bestehen oder konkrete interne Fehler vermutet werden.

Baugruppe mit BGA- und CSP-Bauteilen

Bei verdeckten Lötstellen reicht AOI allein nicht aus. Sie bleibt sinnvoll für die sichtbaren Merkmale und die allgemeine Bestückungskontrolle, muss aber durch AXI ergänzt werden. Wie umfangreich die Röntgenprüfung ausfällt, hängt von Kritikalität, Stückzahl, Prozessstabilität und vereinbarten Abnahmekriterien ab.

QFN mit großem thermischem Pad

QFN-Bauteile können an den seitlichen Anschlüssen unauffällig aussehen, während die Qualität der zentralen thermischen Verbindung verborgen bleibt. Hier kann AXI wichtige Informationen liefern, insbesondere wenn die thermische oder elektrische Funktion von einer gleichmäßigen Anbindung abhängt. Gleichzeitig lohnt es sich, die Pastenaufteilung und das Footprint-Design bereits im Layout zu hinterfragen.

Neue Baugruppe oder geänderter Fertigungsprozess

Bei einem neuen Design sind Fehlerbilder noch nicht vollständig bekannt. Eine Kombination aus SPI, AOI und gezielter AXI-Prüfung kann helfen, Zusammenhänge zwischen Lotpastendruck, Bestückung, Reflow und verdeckten Lötstellen zu erkennen. Nach Prozessstabilisierung kann der Prüfplan differenzierter und auf die tatsächlich kritischen Merkmale zugeschnitten werden.

Der klare Vergleich: AOI ist der Linienstandard, AXI die Tiefenprüfung

Für die meisten Serienbaugruppen ist AOI die wirtschaftlichere Basisprüfung. Sie ist schnell, für sichtbare Fehler sehr leistungsfähig und lässt sich gut in eine 100-Prozent-Inline-Kontrolle integrieren. Wer sichtbare Bestückungs- und Lötfehler zuverlässig finden möchte, kommt an AOI kaum vorbei.

AXI ist die bessere Wahl, sobald die entscheidende Information unter einem Gehäuse liegt. Bei BGA, CSP, QFN und internen Fehlstellen bietet die Röntgenprüfung eine Aussage, die AOI prinzipbedingt nicht liefern kann. Sie ist dafür aufwendiger und wird deshalb häufig gezielt statt pauschal eingesetzt.

Mein Urteil fällt daher eindeutig, aber nicht zugunsten eines einzigen Verfahrens aus:

  • AOI gewinnt bei Geschwindigkeit, Serienfähigkeit und sichtbaren Oberflächenfehlern.
  • AXI gewinnt bei verdeckten Lötstellen, BGA-Verbindungen und Lunkern.
  • Für anspruchsvolle PCBA-Qualitätskontrolle ist die Kombination beider Verfahren meist die belastbarste Lösung.

Die richtige Prüfstrategie entsteht nicht am Ende der Fertigung, wenn bereits ein Fehlerprotokoll auf dem Tisch liegt. Sie beginnt bei der Auswahl der Bauteile, beim Footprint, bei der Pad-Geometrie und bei den vereinbarten Qualitätskriterien. Wenn wir diese Punkte früh mitdenken, arbeiten AOI und AXI nicht als teure Kontrollinstanzen hintereinander, sondern als sinnvoll abgestimmte Teile eines stabilen Fertigungsprozesses.

Häufige Fragen

Wann sollte ich AOI und wann AXI einsetzen?
AOI eignet sich für die schnelle Inline-Prüfung sichtbarer Fehler wie Bauteilversatz oder Lötbrücken. AXI wird eingesetzt, wenn verdeckte Lötstellen, interne Fehlstellen oder Lunker unter Bauteilen wie BGAs oder QFNs beurteilt werden müssen.
Warum ist AOI in der Serienfertigung oft die erste Wahl?
AOI bietet eine hohe Prüfgeschwindigkeit, die eine 100-Prozent-Inline-Kontrolle ermöglicht, ohne den Linientakt zu beeinträchtigen.
Wie erkenne ich Lunker unter einem BGA-Gehäuse?
Lunker sind optisch nicht sichtbar und erfordern daher eine Röntgeninspektion (AXI), um die inneren Strukturen der Lötstelle abzubilden.
Welchen Einfluss hat das Layout auf die Prüfqualität?
Ein schlecht gepflegter Footprint oder unklare Polaritätsmarker erschweren die automatische Auswertung und führen zu Fehlalarmen. Ein gutes Layout berücksichtigt bereits bei der Konstruktion die optische Erkennbarkeit und die Anforderungen der Röntgenprüfung.
Gibt es Grenzwerte für Lunker in Lötstellen?
Ja, für kritische Anwendungen werden Richtlinien wie die IPC-A-610 herangezogen, wobei in der technischen Einordnung typischerweise ein maximaler Lunkervolumenanteil von unter 25 Prozent genannt wird.